

Ich danke dem Capitol Filmtheater, dem Gabriel-von-Seidl-Gymnasium, den Schülerinnen und Schülern, die ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben, denjenigen, die bei der Technik geholfen haben, den beiden tollen Moderator:innen sowie den Lehrer:innen, die mitgemacht haben. Mein allerherzlichster und größter Dank gilt Bettina Brunner für ihre unschätzbare Initiative, die exzellente Organisation und Durchführung sowie die herzliche Gastfreundschaft!

Initiative:
Bettina Brunner
Veranstaltung von:
Gabriel-von-Seidl
Gymnasium
Veranstaltungsort:
Capitol Theater
Datum: 25.11.2025
Bad Tölz
2025
Die Vorführung in Bad Tölz war nach 4 Jahren die erste, bei der der Film vor Schülern gezeigt wurde.
"Ein Blick ins junge Publikum offenbarte jedoch, dass alle (mit wenigen Ausnahmen) zu 100% bei der Sache waren. Auch während des anschließenden Gesprächs waren alle wie gebannt, was angesichts des Alters durchaus erstaunlich ist." /Bettina Brunner
„Der Rhein fließt ins Mittelmeer“ – welch rätselhafter Filmtitel! Eine neue seltsame Idee der Englisch-Fachschaft, dachten sich 112 Schüler*innen der 12. und 13. Klasse des Gabriel-von-Seidl Gymnasiums Bad Tölz, als sie gefragt wurden, ob sie Lust hätten, sich einen Film dieses Titels anzusehen und im Anschluss seinen israelischen Regisseur Offer Avnon kennenzulernen. In den Kursen der Jahrgangsstufe 13 war das Interesse bemerkenswert, da besonders diese Jugendlichen sich im Lauf der letzten beiden Jahre in verschiedenen Projekten mit der deutschen Vergangenheit, der Shoah und Möglichkeiten der Erinnerung auseinandergesetzt hatten. Eine Gruppe hatte einen eigenen Film über die letzten Kriegstage und die Erlebnisse eines Hitlerjungen in Bad Tölz gedreht und hatten sich deswegen mit alten Zeitungsartikeln, Fotos und Erinnerungen von Zeitzeugen beschäftigt. Viele Q13 Schüler*innen sind in der SMV engagiert und haben persönlich Gedenkveranstaltungen mitorganisiert, wie zum Beispiel einen Schweigemarsch anlässlich der Befreiung von jüdischen Häftlingen aus dem „Todesmarsch“, der auch durch Bad Tölz führte. Alle Schüler*innen der Q13 hatten mehrmals Gelegenheit, den Überlebenden Abba Naor sprechen zu hören und ihm Fragen zu stellen. Auch hatten sich alle Englischkurse der Q13 im Hinblick auf das Britische Empire mit der Geschichte des Britischen Protektorats Palästina und der Staatsgründung Israels befasst. Zudem hatten alle einen Vortrag über Antisemitismus gehört, den Professor Michael Wolffsohn an unserer Schule gehalten hat. Ein Kurs hatte den Roman „Return to Haifa“ des (nicht unproblematischen) palästinensischen Autors Gassan Khanafani gelesen, der u.a. die grausamen Erfahrungen von polnischen Juden im Zweiten Weltkrieg erzählt und dessen Hauptthema die Gewalt und die Kriege zwischen Arabern und Juden zwischen 1948 und 1967 ist. Alle zeigten sofort großes Interesse, einen Künstler, der just aus Haifa kommt, zu treffen und mit ihm in Dialog zu treten. Anders war es in der 12. Jahrgangsstufe. Zwar war auch hier das allgemeine Interesse groß, allerdings gab es auch ablehnende Reaktionen, die jedoch - wie so oft in der Schule - aus Zeitgründen oder Mangel an Energie für noch mehr „Problematisches“ nicht weiter thematisiert wurden. Ein türkisches Mädchen wollte nicht in einen Film eines israelischen Regisseurs gehen, ein Junge drückte ebenfalls seine Ablehnung aus (und blieb daher auch in der Schule statt ins Kino zu gehen). Inwiefern die Ablehnung durch Antisemitismus motiviert war, wurde nie festgestellt. Das Filmgespräch sollte auf jeden Fall von den jungen Leuten selbst moderiert werden. Ein Junge, dessen Großeltern aus dem Iran stammen und ein Mädchen mit koreanischen Wurzeln wollten das übernehmen. Sie sahen den Film auch vorab, um einen kleinen Wissensvorsprung zu haben. Sie beschäftigten sich mit Herrn Avnons Biographie und den online zu findenden Rezensionen zum Film. In einem Vorgespräch konnten sich alle Beteiligten, die Moderator*innen, das Technik-Team und der Regisseur kennenlernen und das Vorgehen für die Filmvorführung besprechen. Diese sehr persönliche Begegnung war für die Jugendlichen wertvoll und bereichernd – nicht nur, weil es ihre erste Begegnung mit einem Israeli war. Die Uhrzeit der Filmvorführung war sicher für alle nicht ideal. Herr Avnon bezeichnet sich selbst nicht gerade als Frühaufsteher, und auch die Schüler*innen (und ihre Kursleiter*innen) sind morgens um 8 Uhr nicht in Bestform. Umso erstaunlicher war das hohe Maß an Konzentration, das man während des Screenings spüren konnte. Der Film stellt große Ansprüche an sein Publikum. Die Einstellungen sind lang, zuweilen einen Tick zu lang. Es gibt keinen Handlungsstrang, keine klare Botschaft. Der Regisseur arbeitet mir Bildern und Assoziationen. Der Film ist sperrig und steht heutigen Sehgewohnheiten diametral entgegen. Vor allem jungen Leute mit einer Tik-tok-Aufmerksamkeitsspanne verlangt er einiges ab. Ein Blick ins junge Publikum offenbarte jedoch, dass alle (mit wenigen Ausnahmen) zu 100% bei der Sache waren. Auch während des anschließenden Gesprächs waren alle wie gebannt, was angesichts des Alters durchaus erstaunlich ist. Einige Jugendliche, von denen ihre Lehrkräfte es kaum erwartet hatten, waren gefesselt von dem Film und sie saßen bewegungslos in ihren Kinosesseln. Auch während sie den Fragen der Mitschüler*innen und den Antworten Offer Avnons lauschten, zeigte ihre Körperhaltung höchste Anspannung. Manche beugten sich vor, um kein einziges Wort und keine Geste des Regisseurs zu verpassen. Diese Reaktion fiel gleich mehreren Lehrerinnen auf, da sie wirklich ungewöhnlich ist. Die beiden Jugendlichen, die das Filmgespräch moderierten, waren gut vorbereitet. Sie hatten sich einige Fragen überlegt, die sie als „Eisbrecher“ stellen konnten und auch die Überleitungen zu weiteren Themen gelang ihnen geschmeidig. Sicherlich wurden am Ende einige Allgemeinplätze von sich gegeben (à la: „Nie wieder…“, „Aus der Geschichte lernen …“, „Wir haben Verantwortung …“ etc.), aber im Nachgespräch mit den Schüler*innen, in dem diese Problematik angesprochen wurde, stellte sich heraus, dass das, was Erwachsene, die sich seit Jahren mit „Erinnerungskultur“ beschäftigen, als „Betroffenheitsbingo“ bezeichnen, von den jungen Leuten „echt“ gefühlt wird. Mögen die Phrasen bereits hundertmal gedroschen worden sein, für die 18-Jährigen sind sie neu, ehrlich gemeint und authentisch. Die involvierten Pädagog*innen konnten aus den Betrachtungen viel lernen. Da das Filmgespräch auf Englisch stattfinden musste (nur so hatte die Fachschaft Englisch eine „Rechtfertigung“, ein derartiges Projekt außerhalb des Unterrichts, das anderen Fächern Stunden wegnimmt, zu organisieren), wagten einige interessierte Jugendliche nicht, in so großer Runde Fragen zu stellen. Da der Regisseur jedoch mit viel Ruhe und Ernsthaftigkeit auf die ersten Fragen einging und den Jugendlichen das Gefühl vermittelte, mit ihnen auf Augenhöhe zu sprechen und nicht belehrend erschien, schnellten immer mehr Finger in die Höhe. Die „hörbarste“ Reaktion während des Films war das erstaunte Lachen des Publikums gewesen, als der begeisterte Sammler von Nazi-Devotionalien stolz auf Schwäbisch seine Schätze präsentierte. Natürlich bezogen sich einige Fragen auf diese unglaubliche Person. Wie lernt ein jüdischer Regisseur solche Leute kennen und wie bringt er sie auch noch dazu, so treuherzig vor der Kamera die deutsche Wehrmacht zu bewundern? Wie vorhergesehen, hatten die Jugendlichen großes Interesse an der Einschätzung des Regisseurs zum Krieg mit der Hamas und der Situation in Gaza. Anders als insgeheim befürchtet wollte aber niemand provozieren oder anklagen. Die Schüler*innen waren aufgeschlossen und ehrlich an der politischen Meinung interessiert. Und sie erhielten ausführlich eine komplexe Antwort, die die komplexe Situation widerspiegelte. Es kam zu einem Austausch, der nicht geprägt von Propagandazwecken oder gezielter Beeinflussung war und wohl genau deswegen zu noch mehr Nachforschen und Nachdenken anregte. Schnelle, einfache schwarz-weiß Antworten, so nahmen alle mit, gibt es nicht. Unglücklicherweise war der zweite Teil der Veranstaltung, das Filmgespräch, viel zu kurz. Alle verfluchten das enge Korsett, in das der Schulalltag zwängt. Denn viele Fragen blieben ungestellt. In den Kursräumen und im Lehrerzimmer jedoch wurde weiter debattiert und sich ausgetauscht, leider ohne Offer Avnon. Das Feedback reichte von offener Begeisterung („Was für ein toller Typ!“) bis zu detaillierten Szenenanalysen. Es wurde diskutiert, ob es mehr derartige Veranstaltungen an der Schule geben sollte, oder ob es bereits „zu viel“ davon gibt. Kann man durch die Auseinandersetzung mit der Shoah Positives bewirken oder macht sie die Schüler*innen „erinnerungsmüde“ und abgestumpft? Sollen bzw. dürfen sich Lehrer*innen im Klassenzimmer politisch positionieren? Was, wenn AfD-nahe Gruppen oder gar Lehrer*innen Veranstaltungen anbieten und in die Schule tragen? Die Themenfelder, die durch die Filmvorführung und den Kontakt mit dem Regisseur aus Haifa angesprochen wurden, waren vielfältig. Die Frage bleibt, wieviel und was die Veranstaltung „bewirkt“ hat. Wen haben wir erreicht? Es wird keine Antwort geben. Durch die Planung und Organisation ergab sich jedoch eine sehr konkrete Erkenntnis für die beteiligten Lehrkräfte. Frustriert durch die Widerstände, die Umständlichkeit, mit der solch gesellschaftlich relevante Veranstaltungen auf die Beine gestellt werden müssen, müssen sich die „Nimmermüden“ strukturell organisieren. Auch die Besorgnis angesichts der Unbilligkeiten und Gefahren, die von AfD- nahen Eltern oder Schüler*innen ausgehen, die an anderen Schulen einzelnen Lehrer*innen bereits viel Ärger bereitet haben (Gerichtsverfahren etc.) und wo es von Seiten der Schulleitung oder Kolleg*innen keine Solidarität gab, wollen sie sich zu einem „Arbeitskreis Demokratie“ zusammenschließen. Es soll in Zukunft keiner Konstruktionen und Rechtfertigungsstrategien bedürfen, um sich mit Geschichte, mit der Shoah und mit den Gefahren für unsere Demokratie auseinanderzusetzen. Der Arbeitskreis wird Veranstaltungen und Fortbildungen anbieten und die Beteiligten wollen sich gegenseitig den Rücken stärken.